"Beim Stand im Leerlauf hört man, dass der Motor im Wasserstoff-Betrieb geringfügig lauter ist", sagt Chauffeur Andreas Störmer. "Das liegt am Geräusch der Gasventile. Aber während der Fahrt ist das nicht zu bemerken." Ohnehin ist von der Arbeit des Triebwerks bei unangestrengten 130 Kilometern pro Stunde akustisch kaum etwas wahrzunehmen - egal, ob es nun Wasserstoff oder Benzin verbrennt. Doch mit einer Wasserstoff-Füllung werden wir es bis Hannover nicht ganz schaffen. Und nachtanken ist unterwegs bekanntlich nicht drin. Störmer drückt auf einen Knopf unter dem Bordmonitor. Ein kurzer Ruck wie bei einem nicht ganz sauber schaltenden Automatikgetriebe älterer Bauart, das H2-Symbol verlöscht, der Zeiger der Benzinverbrauchsanzeige springt von null auf elf Liter. Der Motor hat zwei Gemischaufbereitungsanlagen. Von einer Sekunde auf die andere fahren wir wieder ganz konventionell mit aus Erdöl gewonnenem Sprit. Als einziger Automobilhersteller der Welt verfügen die Bayerischen Motoren Werke über seriennahe Wasserstoff-Automobile. Bei einem Festakt im Ludwig-Erhard-Haus, dem neuen Kommunikationszentrum der Berliner Industrie- und Handelskammer in der Nähe des Kurfürstendamms, präsentierte die BMW Group mit einer fulminanten Infotainment-Show einem begeisterten Publikum die Antriebstechnologie der Zukunft. Zwei Tage waren wir mit dem 750hL in der deutschen Hauptstadt unterwegs. Wo immer das Clean-Energy-Fahrzeug stoppte - ob Reichstag, Potsdamer Platz, Brandenburger Tor -, innerhalb von Sekunden war es von Menschen umringt. Erstaunlich war nicht ihre Neugier, sondern ihr Wissen. Fast allen war die Wasserstoff-Technologie ein Begriff, mit der sie die Hoffnung auf eine Lösung der Umweltprobleme verbinden. Kurz vor Hannover wieder ein kleiner Ruck. Andreas Störmer reaktiviert den Wasserstoff-Betrieb. In der niedersächsischen Landeshauptstadt, bis Ende Oktober 2000 Gastgeber der EXPO 2000, hat BMW ein Servicezentrum eingerichtet, in dem die Wasserstoff-Fahrzeuge gewartet und betankt werden können. Zwei Jahrzehnte wurde an der Entwicklung und Perfektionierung des Wasserstoff-Motors gearbeitet. Der 750hL gehört bereits zur fünften Generation von BMW Wasserstoff-Fahrzeugen. Sein Zwölfzylinder-Aggregat arbeitet im Wasserstoff-Betrieb mit hohem Luftüberschuss, der die Verbrennungstemperatur in den Zylindern so weit senkt, dass Emissionen vermieden werden. Tagtäglich war eine kleine 750hL-Flotte während der EXPO im Shuttle-Einsatz: Messegelände - Innenstadt und retour zum "New Traffic Boulevard", wo die BMW Group zusammen mit den Partnerunternehmen in Halle vier unter dem Motto "Was uns bewegt" die "Freie Fahrt in die Mobilität der Zukunft" präsentierte. Andreas Störmer gehört zur Crew der VIP-Flottenfahrer. Tagtäglich öffnet er für seine Passagiere zigmal nicht nur die Fahrzeugtüren, sondern ebenso Motorhaube und Kofferraumdeckel. Fast jeder will einen Blick auf das Wasserstoff-Triebwerk werfen, und viele betasten vorsichtig mit ihren Händen den Wasserstoff-Tank im inneren Teil des Gepäckabteils, der sich außen sommerlich warm anfühlt, obwohl sein Inhalt unvorstellbare minus 253 Grad Celsius kalt ist. Die Entwicklung dieses Tanks war die zweite gewaltige Herausforderung für die Ingenieure. Denn als Gas ist Wasserstoff für den Automobilantrieb nicht geeignet. Selbst wenn es mit 200 bar Druck komprimiert wird, würde eine Füllung eines 120-Liter-Tanks gerade mal für 40 Kilometer Fahrt reichen. Deshalb muss das farb-, geruch- und geschmacklose Gas bei minus 253 Grad verflüssigt werden, wobei sein Volumen um 99,9 Prozent schrumpft. Obwohl die Isolierung des Kraftstoffbehälters nur knapp drei Zentimeter dick ist, hat sie den Wirkungsgrad eines vier Meter starken Styropormantels. In einem Hoch-Vakuum zwischen den doppelten Tankwänden schützen 70 Lagen Glasfasermatten mit Aluminiumfolie den ultrakalten Inhalt vor Erwärmung. Die Temperatur des Wasserstoffs erhöht sich lediglich um ein Grad pro Tag, wobei der Innendruck jeweils um ein bar steigt. Ab vier bar Druck wird Wasserstoff durch ein Sicherheitsventil abgelassen. Der Wagen sollte also zweimal pro Woche gefahren werden, wobei sich der Druck innerhalb einer Viertelstunde abbaut. Bei längerem Parken gehen sonst täglich zwei Prozent des Tankinhalts verloren. Das freilich hat Andreas Störmer noch nie erlebt, im Gegensatz zur fast zwangsläufigen Frage seiner Gäste nach der Tankbesichtigung: "Kann der Behälter denn nicht explodieren?" Genau das kann er nicht. Wasserstoffgas kann zwar mit Luft ein explosives Gemisch bilden. Im Unterschied zu Benzin- und Dieseltanks ist Luft im hermetisch dichten Wasserstofftank aber nicht vorhanden. Der er unter Überdruck steht, wäre ein Eindringen von Luft sogar bei einer Leckage nicht möglich. Selbst bei schweren Unfällen ist eine Explosion des Tanks ausgeschlossen. In worst-case-Szenarien wurde der Behälter ins Feuer geworfen, durch den Aufprall schwerer Gewichte deformiert und mit spitzen Gegenständen durchbohrt. Alle Versuche ergaben: Ein Bersten des Tanks ist dank der Sicherheitsventile und einer für den Notfall eingebauten Sollbruchstelle unmöglich. Weiterfahrt nach München. Alle vier Wasserstoff-Sensoren im grünen Bereich. Einer ist unter der Motorhaube platziert, einer im Kofferraum, einer beim Einfüllstutzen und einer im Innenraum unter der Dachverkleidung. Schon bei einer H2-Konzentration von 0,1 Prozent würden sie Alarm schlagen. Und beim Überschreiten der Ein-Prozent-Grenze automatisch alle Wasserstoff-Ventile abregeln sowie auf Benzinbetrieb umschalten. Außerdem sind die sich selbst überwachenden Systeme per Funk mit der Einsatzzentrale in München verbunden. Beim Auftreten einer sicherheitsrelevanten Störung melden sie selbsttätig die vermutliche Ursache und den exakten Standort des Fahrzeugs. Wir gleiten wieder mit Tempo 130 dahin. Die meisten uns überholenden Autofahrer schauen interessiert herüber, einige strecken anerkennend den Daumen nach oben. Manche bremsen sogar ab und fahren ein paar hundert Meter auf gleicher Höhe neben uns her. Dann, etwa auf halber Strecke zwischen Hannover und München, wieder dieser kleine Ruck: automatisches Umschalten auf Benzinbetrieb. Wasserstoff ist bezüglich des Gewichts der energiereichste Kraftstoff, ein Liter flüssiges H2 wiegt gerade mal 70 Gramm. Allerdings gilt das nicht beim Volumen. Im Wasserstoff-Betrieb verbraucht der Motor dreieinhalb Mal mehr als mit Benzin. Die EXPO 2000 fand nicht nur in Hannover statt. Zahlreiche weltweite Projekte von Initiativen gegen Kinderarbeit über innovative umweltverträgliche Technik bis zur Verbesserung des Naturschutzes sollen die Zukunft noch lebenswerter gestalten. Eines davon wurde von BMW in München initiiert: "Clean Energy - Autofahren mit Sonne und Wasser". Die zusammen mit den Deutschen Museum gestaltete Ausstellung zeigt, dass aus einer technologischen Vision zukunftsträchtige Realität geworden ist - Freude am Fahren bei absoluter Umweltverträglichkeit. Die Sonne liefert die Energie und das Wasser die Materie für den ultimativen Kraftstoff. Bei seiner Herstellung wird das Wasser durch Elektrolyse mit Solarstrom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Im Automotor verbrennt der Wasserstoff mit dem Sauerstoff der Luft wieder zu Wasser. Der Kreislauf schließt sich. Ohne Belastung der Umwelt, ohne Verbrauch von Rohstoffen und ohne Treibhauseffekt. Im Schritttempo dirigiert Andreas Störmer den 750hL in die Gasse der Tankstelle und stoppt neben einem Monitor. "Herzlich willkommen", leuchtet auf dem Bildschirm auf. "Bitte Motor abstellen und Handbremse betätigen." Störmer steckt seine Kreditkarte in den Schlitz des Terminals und berührt mit einem Finger das Feld "Volltanken" auf dem Bildschirm. Neben dem linken Heck des BMW setzt sich ein Tankroboter in Bewegung, öffnet mit einem Saugnapf den Klappdeckel, dockt millimetergenau an, hakt sich fest, koppelt Tankarm und Tankverschluss ineinander und dichtet die Verbindung ab. Dann schiebt sich ein Rüssel aus dem Roboterarm in den Tankeinfüllstutzen des Wagens. Der Kraftstoff beginnt zu fließen. Wir sind an der weltweit ersten öffentlichen Robottankstelle für flüssigen Wasserstoff am Münchner Flughafen. Sie ist seit Mai 1999 in Betrieb. Seither hat BMW Fahrer Karl Kara mit einem BMW 728hL, einem Vorläufer der 750hL, 20 000 Kilometer problemlos im Alltagsbetrieb mit Wasserstoff zurückgelegt. Und dabei ungezählte Politiker, Manager, Ingenieure oder Wissenschaftler aus aller Welt chauffiert. Eine Frage haben sie ihm alle gestellt: Wann wird so ein Automobil zu kaufen sein? "Meine kleine Tochter", pflegt er darauf zu antworten. "ist jetzt fünf Jahre alt. Ich glaube, dass sie einen serienmäßigen BMW mit Wasserstoff-Antrieb erwerben kann, wenn sie ihren Führerschein macht." Die Einschätzung ist nicht unrealistisch. Denn die zukunftsweisende Technik ist einsatzbereit. Und die BMW Group wird alles daran setzen, ihr in Zusammenarbeit von Wirtschaft und Politik den Weg zu ebnen. BMW Vorstandsvorsitzender Joachim Milberg: "Ich bin davon überzeugt, dass BMW in zehn Jahren bereits einige tausend wasserstoffbetriebene Fahrzeuge pro Jahr verkaufen wird." aus: BMW Magazin 2/2000 |